Benediktinerklöster waren im Mittelalter nicht nur religiöse Zentren. Sie nahmen auch wichtige wirtschaftliche, politische und kulturelle Aufgaben wahr. Kloster Corvey etwa half im 9. und 10. Jahrhundert dabei, die unter Karl dem Großen gewaltsam eroberte Region am Weserbogen in das Frankenreich zu integrieren, zu christianisieren und zu verwalten. Vor allem wurden im klösterlichen Skriptorium antike Texte abgeschrieben, ohne die Historiker heute nichts mehr über Geschichte, Mythologie, Gelehrsamkeit und Philosophie der alten Griechen und Römer wüssten. In der Corveyer Klosterbibliothek befanden sich Schriften vieler klassischer Schriftsteller, allen voran die "Germania" des Tacitus. Dieser Text erwähnt auch, dass die berühmte Varusschlacht im Teutoburger Wald stattgefunden haben soll. Auch Vergil, Ovid und Horaz wurden in Corvey gelesen und interpretiert. Ein Zeugnis aus dieser für Corvey so bedeutenden Zeit ist das sogenannte karolingische Westwerk - ein westlich vorgesetzter Kirchenraum, der noch in den Jahren zwischen 873 und 885 unter der Königs- und Kaiserdynastie der Karolinger entstand. Das Besondere am Westwerk sind erhaltene mittelalterliche Wandmalereien, die figürlich auf die griechische Odyssee referieren. Die fragmentarisch erhaltenen Wandfriese im Johanneschor setzen damit die Irrfahrt des Odysseus auf dem gefährlichen und unsicheren Meer auf christliche Weise in Szene. Das Meer stand schließlich für die Bedrohungen der Welt, durch die das Schiff der Christen - also die Kirche - navigieren musste. Eine Bildszene zeigt den Eposhelden Odysseus im Kampf mit dem Meeresungeheuer Skylla. Dieses Mischwesen hat den Oberkörper einer Frau und einen Gürtel aus Hunden um sich, die wild um sich zu schnappen scheinen. Unter ihrem rechten Arm hält Skylla einen unglücklichen Gefährten des Odysseus fest. Er wurde offenbar vom Schiff gerissen und wird im nächsten angedeuteten Augenblick wohl von den Hunden der Syklla gefressen werden. Odysseus sticht jedoch mit seiner Lanze einem der Hunde in den Rachen. Er zwingt also Skylla dazu, etwas zurückzuweichen, auch wenn sie noch lange nicht besiegt ist. Der Ausgang des Kampfes scheint recht offen. Das Monster ist im klösterlich-christlichen Kontext sicherlich als Dämonin oder Drache interpretierbar. Ihm muss sich der tugendstrenge Odysseus in Analogie zum Erzengel Michael tapfer erwehren. Die nicht standhaften Christen - repräsentiert durch den unglücklichen Gefährten des Odysseus - fallen dem fürchterlichen Meeresungeheuer oder dem Teufel zum Opfer. Ihre Seelen scheinen verloren. Diese Szene verweist damit möglicherweise noch auf nachwirkende heidnische Traditionen mancher Bevölkerungskreise. Die vollständige Christianisierung der "Sachsen" wird nämlich sicherlich ein längerer Prozess gewesen sein - kein Akt, der mit der Taufe von einem Moment zum anderen plötzlich erzwungen werden konnte. Bemerkenswert sind daher auch die Darstellungen einer Harfe spielenden Sirene mit dem Oberkörper eines Menschen und den Beinen eines grünes Vogels. Die nach Menschenfleisch gierende Gestalt versucht, das Schiff des Odysseus mit betörender Musik vom richtigen Kurs abzubringen. Zu entdecken ist auch eine Szene mit einem aus dem Wasser springenden Delfin und einem weiteren Schiff, das bereits vom Meer stark beschädigt wirkt. 1992 entdeckten Bauforscher eine weitere Besonderheit im Westwerk: Vorzeichnungen für vier später hinzugefügte Stuckfiguren. Die vorgesehenen Plastiken stellten möglicherweise die karolingischen Könige dar, denn die am Mauerwerk angebrachten Pinselentwürfe deuten auf militärische Mäntel hin, sogenannte Chlamys. Da eindeutige symbolische Attribute wie Krone und Zepter fehlen, bleibt diese Interpretation allerdings Spekulation. Denkbar wäre jedoch durchaus, dass die fränkischen Könige im Westwerk feierliche Kirchenmessen und Hoftage abhielten, also politische Versammlungen mit ausgesuchten Fürsten und Adligen durchführten und sich mit ihnen berieten. All das könnte noch mehr durch weitere Texttafeln besser...
Read moreCorvey verdankt den Titel als Weltkulturerbestätte nahezu ausschließlich dem aus karolingischer Zeit erhaltenem Westwerk der Kirche St. Stephanus und Vitus. Die Kirche ist auch aktuell Pfarrkirche einer katholischen Gemeinde des örtlichen Pastoralverbundes. Das Westwerk wurde im 9 Jahrhundert gebaut und ist als einziger Teil der alten Kirche erhalten. Es hat kaum karolingische Architektur die Zeiten überdauert. Dies macht es einzigartig und kulturhistorisch so wertvoll. Im Inneren sind teilweise noch Fragmente alter Originalbemalungen zu entdecken. Stilistisch ist das Westwerk eher schlicht, aber schön und beeindruckend. Der Rest der Kirche stammt aus dem 17 Jahrhundert und ist ein auch durchaus sehenswerter Barockbau. Der barocke Teil verfügt über eine reiche künstlerische Ausstattung und ist auch sehenswert. Mit einer Gesamteintrittskarte lässt sich zudem das benachbarte Schloss besichtigen. Auch das Schloss nebst Gärten ist sehenswert. Ursprünglich war es ein Benediktinerkloster, welches im 9 und 10 Jahrhundert zu den bedeutendsten Nordeuropas zählte. Im 17 Jahrhundert wurde das Kloster im Barockstil neu errichtet. Dann wurde es kurz Fürstbistum und ab 1820 schließlich privater Adelssitz. Die Gebäude, Räume und fürstliche Bibliothek sind beeindruckend. Ein Besuch lohnt sich. Für Kirche, Gelände und Schloss mit Sammlungen sollte man etwas...
Read moreWir sind per Umweg 80 km gefahren, um eine mittelprächtige Kirche zu besuchen. Auf der Webseite wird nur darauf hingewiesen, dass die Besichtigung des Westwerkes durch Bauarbeiten eingeschränkt sein könne. Bei einem Weltkturerbe wäre der Hinweis auf die komplette Sperrung des Westwerkes hilfreich gewesen. Und trotzdem noch die Frechheit eines Eintritts für die halb gesperrte Kirche. Noch ein weiterer Hinweis: Die Reise führte zuvor nach Weimar, Erfurt und auf die Wartburg. Mit Hygienekonzepten und Besucherbegrenzung, waren alle Besuche auch in Corona Zeiten stressfrei möglich... Warum nicht im weitläufigen Weltkulturerbe Höxter? Schade... Im Westen...
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